Zwei Musiktheaterprojekte zur Matthäus-Passion (J.S. Bach) mit Uraufführung
Kantorat der Klosterkirche Barsinghausen & aisthesis
Kantorat der Klosterkirche Barsinghausen & aisthesis
2026 | 8. & 15. März Klosterkirche Barsinghausen
Videodokumentation: Gerald Pursche
Projekt: perspektiven:passion 2026
Projekt: perspektiven:passion 2026
Projekt Rückschau
„perspektiven:passion“ – zwei Abende zwischen Tradition und neuem Musiktheater
Eine Konzertreihe, die kirchliche Musiktradition mit zeitgenössischen Vermittlungsformaten verbindet und dabei neue Zugänge für unterschiedliche Generationen eröffnet.
Eine Konzertreihe, die kirchliche Musiktradition mit zeitgenössischen Vermittlungsformaten verbindet und dabei neue Zugänge für unterschiedliche Generationen eröffnet.
Musikformate im kirchlichen Kontext stehen häufig vor der Herausforderung, gewachsene Traditionen zu bewahren und zugleich neue Zugänge zu schaffen. Die Reihe „perspektiven:passion“ greift genau diesen Ansatz auf und verbindet klassische Passionsmusik mit szenischen und partizipativen Elementen. Zwei aufeinanderfolgende Konzertabende zeigen exemplarisch, wie sich die Passionsgeschichte als kulturelles und musikalisches Format weiterentwickeln lässt und dabei sowohl vertraute als auch neue Hör- und Erfahrungsräume eröffnet.
„Kreuzige ihn, kreuzige ihn, kreuzige ihn“ hallt es durch die Klosterkirche am Sonntag, den 8. März 2026. Diese eindringlichen Rufe bilden den Ausgangspunkt eines Konzertabends, der sich bewusst zwischen Konzert, Theater und musikvermittelndem Format positioniert. Im Zentrum steht ein Jugendmusiktheater, in dem die Leidensgeschichte szenisch dargestellt wird. Jugendliche aus der Konfirmandenarbeit bringen unter der Leitung von Pastorin Uta Junginger die Handlung auf die Bühne, während die Stadtkantorei, ein Projektchor sowie das Barockorchester Concerto Ispirato Werke von J.S. Bach und M. Praetorius aufführen. Es entsteht eine Wechselwirkung, die sich als eine Form von „Theater-Oratorium“ beschreiben lässt.
Die Verbindung von szenischem Spiel und musikalischer Aufführung erzeugt eine unmittelbare Beziehung zwischen Inhalt und Klang. Die emotionale Dimension der Passionsgeschichte wird durch das eigene Schauspiel der Jugendlichen erfahrbar und schafft einen Zugang zur Musik von J.S. Bach, die zunächst außerhalb ihrer gewohnten Hörwelt liegt. Gerade diese Annäherung zeigt die Funktion eines solchen Formats: Kirchenmusik wird nicht ausschließlich rezipiert, sondern aktiv erlebt. Die Musik wirkt in das Theater hinein, während die Darstellung der Jugendlichen die musikalischen Inhalte kontextualisiert und emotional verankert. Ziel des Projektes, eine Begegnung der Generationen zu ermöglichen und eine erste Beziehung zu barocker Kirchenmusik herzustellen, wird damit nachvollziehbar erreicht. In der Rückmeldung der Jugendlichen bestätigt sich dieser Eindruck und unterstreicht, wie eine persönliche Begegnung als Form von Kirchenmusik gestaltet werden kann.
Der zweite Konzertabend am Sonntag, den 15. März 2026, führt diesen Ansatz weiter und erweitert ihn um eine eigenständige musiktheatrale Form. Mit der Uraufführung von „Der Sohn, der starb“ von Kantor Ole Magers wird die Passionsgeschichte nicht nur interpretiert, sondern in einen neuen dramatischen Zusammenhang gestellt. Das Stück setzt direkt nach der Kreuzigung nahe des Grabes Jesu an. Während sich die Menge noch am Grab befindet um Abschied zu nehmen, begegnen sich zwei fiktive Personen und verhandeln in einem dialogischen Prozess zentrale Themen, die sich in einem klar geführten Spannungsbogen entfalten.
Im Mittelpunkt steht das Thema von Eltern, die ihr Kind verloren haben. Die Figur der Maria wird als trauernde Mutter in den Fokus gerückt, während ihr als Gegenpart die fiktive Figur des Vaters von Judas gegenübergestellt wird. Dieser ist innerlich gebrochen: als Anhänger Jesu erlebt er die Konsequenz des Verrats durch seinen Sohn, der sich erhängt hat. Aus dieser Konstellation heraus entwickelt das Stück eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen: Nachfolge Christi, Schuldübertragung, Reue, Vergebung sowie die Frage, was einen Menschen ausmacht – Taten, die eigenen Kinder oder die Herkunft?
Das Musiktheater integriert dabei musikalische Elemente aus der Matthäus-Passion sowie weitere kirchenmusikalische Bezüge und verbindet sie mit einer klar strukturierten Dramaturgie. Der Abend entfaltet sich über drei Stunden hinweg und wird von vielen als geschlossenes Gesamterlebnis wahrgenommen. Die zeitliche Dauer tritt dabei hinter der Intensität der Darstellung zurück: Die drei Stunden vergehen wie in einem intensiven Flug. Für Mitwirkende und Publikum entsteht ein Format, das über die klassische Konzertform hinausgeht und als erlebbare Kultur beschrieben wird.
Die Resonanz verdeutlicht die Wirkung dieses Ansatzes. Stimmen aus dem Publikum berichten von einer tiefen emotionalen Berührung und formulieren zugespitzt, sie würden die Matthäus-Passion künftig nicht mehr in gewohnter Weise hören wollen. Auch Mitwirkende ordnen das Konzert als einen der ergreifendsten Momente ihrer bisherigen musikalischen Tätigkeit ein. Bemerkenswert ist zudem, dass anfängliche Skepsis gegenüber dem Format im Verlauf des Abends einer überzeugten Zustimmung weicht. Das Konzept zeigt sich als tragfähig und anschlussfähig, sowohl für erfahrene Konzertbesucher als auch für ein Publikum, das neue Zugänge sucht.
Innerhalb der beteiligten Ensembles wird die Produktion ebenfalls reflektiert. Die Stadtkantorei, die seit mehreren Jahren mit Ole Magers zusammenarbeitet, bezeichnet das Theaterstück als sein „Meisterstück“. Diese Einschätzung verweist auf die künstlerische Entwicklung innerhalb eines kontinuierlichen Arbeitsprozesses und unterstreicht die Bedeutung dieses neuen Musiktheaterstückes.
Ein zentraler Moment des Abends verdichtet die Verbindung von Musik, Raum und emotionaler Erfahrung. Der Choral „Wenn ich einmal soll scheiden/ So scheide nicht von mir/ Wenn ich den Tod soll leiden/ So tritt du denn herfür!/ Wenn mir am allerbängsten/ Wird um das Herze sein/ So reiß mich aus den Ängsten/ Kraft deiner Angst und Pein!“ wird a cappella von zwei Vokalensembles gesungen, die sich gegenüber auf den Emporen der Klosterkirche positionieren. Die räumliche Anordnung erzeugt eine besondere Klangwirkung, während die musikalische Reduktion die inhaltliche Aussage in den Vordergrund rückt. Ole Magers dirigiert aus dem Altarraum mit Blick in den Kirchraum - sichtlich angerührt und tief in der Materie bis auch ihm die Tränen kamen. Ein intimer Moment, der zeigt, wie nah dran am Menschen ein Konzert sein kann.
Der Dank gilt allen Mitwirkenden, allen Gästen und allen Förderern, die dieses Projekt möglich gemacht haben.
Am Ausgang bedankte sich Magers beim Publikum dafür, dass sie alle gemeinsam dieses Momentum miteinander geteilt haben, und wünschte von Herzen alles Gute.
Aus Perspektive der Formatentwicklung lässt sich die Reihe als Beispiel für eine gelungene Verbindung von Tradition und Innovation beschreiben. Die Passionsgeschichte bleibt als inhaltlicher Kern erhalten, wird jedoch durch szenische, dramaturgische und partizipative Elemente erweitert. Dadurch entsteht ein Angebot, das unterschiedliche Zielgruppen anspricht und in einen gemeinsamen Erfahrungsraum einbindet.
Abschließend bleibt die Feststellung, dass „perspektiven:passion“ als Konzertreihe nicht nur zwei Abende gestaltet hat, sondern ein Modell für zukünftige Musikformate im kirchlichen Kontext bietet. Die Verbindung aus musikalischer Qualität, inhaltlicher Tiefe und neuen Vermittlungsformen schafft eine Grundlage, auf der weitere Projekte aufbauen können. Das neu geschaffene Musiktheaterstück „Der Sohn, der starb“ wird in naher Zukunft bei Stretta Music veröffentlicht, damit es allen zur Verfügung steht.